In der Online Ausgabe des Spiegel (spiegel.de, 22.01.21) erschien ein interessanter Beitrag von Thomas Fricke, dessen Kernthesen ich hier gerne wiedergebe und zur Diskussion stelle.

Das neolieberale Wirtschaftskonzept, ein einseitig konservatives Modell von Ökonomie, das seit Beginn der Achtzigerjahre als Leitmotiv die Politik dominierte und deren Anhänger immer noch glauben, als einzige Wirtschaftskompentenz zu besitzen, hat endgültig versagt.

Zahlreiche Grundannahmen dieses Wirtschaftsmodells haben sich inzwischen als falsch oder untauglich herausgestellt.

Z.B., das

…die Wirtschaft eigentlich alle Probleme der Menschheit lösen kann, wenn man sie nur frei und Gewinn machen lässt – jedenfalls immer besser als der per Definition unfähige Staat und seine langsamen und inkompetenten Beamten

…die Finanzmärkte dafür sorgen, dass Geld immer bei den Richtigen landet – und alles schön finanziert wird, was nötig ist; was dafür sprechen soll, die Finanzmärkte so weit zu deregulieren wie möglich

… der Mensch an sich faul und unproduktiv ist – und das nur dann ablegt, wenn er die entsprechenden wirtschaftlich-finanziellen Anreize, d.h. ordentlich Druck kriegt

…Ökonomen immer einen Hauch Krise verströmen müssen, weil Fortschritt immer nur durch »unangenehme Wahrheiten« kommt, also meist durch Verzicht, außer von Leistungsträgern natürlich, die bei Unmut ihr Geld außer Landes bringen

…es auch ökonomisch am besten ist, erst mal immer die Reichen zu entlasten, weil die ja annahmegemäß für den Wohlstand sorgen – der wiederum am Ende schon allen zugutekomme

…ansonsten jeder möglichst für sich selbst sorgen soll, weil das geht, wenn man nur will (bis auf Ausnahmen wie Gebrechlichkeit), wir also im Grunde unseres Glückes Schmied sind, weshalb es auch nicht so viel Sozialstaat braucht, der stört sonst natürlich beim Druckmachen.

All das war lange Konsens und hat deshalb auch noch maßgeblich bestimmt, wie selbst Gerhard Schröder einst die Agenda 2010 gestaltete – mit Druckmachen, Finanzderegulierung und dem Senken von Spitzensteuersätzen. Was zwar in wirtschaftnahen Kreisen nach neoliberaler Logik als Erfolg gedeutet wird, womöglich aber bei den Leuten im Land nicht ganz so begeisternd ankommt.

Dass das Dogma seither bei uns und weltweit in Verruf geraten ist, könnte eine ganze Kaskade an Desastern, Fehlprognosen und Nebenschäden als Günde haben.

Etwa, dass…

…eine historische Finanzkrise dazwischenkam, die alles Gerede von den rational-effizienten Finanzmärkten ad absurdum geführt hat – und das vormalige Halbgötter-Image der Banken jäh hat bröckeln lassen

…dann Banken gerettet werden mussten – in einem Land, in dem den Leuten noch zwei Jahre zuvor erklärt worden war, dass jeder Monteur oder Sachbearbeiter gefälligst selbst für sich sorgen soll…

…Ökonomen zwar prima dozieren konnten, wie niedrige Löhne weiter zu senken sind, dieselben Verkünder wirtschaftlicher Wahrheit aber die Großfinanzkrise nicht erklären konnten

…sich die panikumwobene Warnung der Verzichtsratgeber als grandiose Fehleinschätzung erwies, wonach die Einführung eines Mindestlohns in Deutschland zu viel mehr Arbeitslosigkeit führen werde – was bis heute nicht der Fall ist

…etliche Leute, die durch Finanz-, Corona- und andere Schocks arbeitslos wurden, erleben mussten, dass es wenig hilft, es nur zu wollen – wenn solche Großkrisen einfach ganze Regionen treffen, wie das nach dem China-Schock etwa im Rustbelt in den USA und an vielen Orten auch in Deutschland der Fall war

…es eben am Ende doch nicht so ist, dass der Reichtum von oben nach unten sickert – und die zwischenzeitlich stark gestiegene Ungleichheit selbst in den langen Jahren steten Wachstums in Deutschland nicht wieder nachließ, im Gegenteil: Die oberen zehn Prozent haben mittlerweile hundertmal mehr Vermögen als die unteren – eine Verdopplung des Abstands binnen 25 Jahren.

 

All das sind ja keine kleinen Schönheitsfehler. Da stimmt das Wirtschaftsweltbild nicht. Und auch das Bild vom Menschen. Es gibt mittlerweile etliche Forschungsarbeiten darüber, dass Menschen weder per se faul noch furchtbar egoistisch sind – und es im Zweifel eher schadet, ihnen Druck zu machen, weil die Leistung nachlässt und sich Fehler häufen, wenn Menschen in Existenznot sind.

Dementsprechend ist es absurd, Wohlstand über Druck oder möglichst deregulierte Finanzmärkte erzeugen zu wollen. Es ist auch widersinnig, in einer Pandemie schon wieder dazu aufzurufen, den Gürtel enger zu schnallen, wie es einige Politik-Größen tun. So etwas ist nicht nur aus der Mode – es ist auch ein reflexartig simples und längst überholtes Verständnis davon, wie Menschen funktionieren und was wirtschaftlich gut ist.

(gekürzter Artikel; gefunden bei spiegel.de, 22.01.2021, Autor: Thomas Fricke)